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28.12.2017
News & Events

Höllenritt im Jetstream – Speed Skydiver und Formex Markenbotschafter Marc Hauser

Der Schweizer Speed Skydiver und Formex Markenbotschafter Marc Hauser will als erster Mensch von einem Heissluftballon in rund 10’000 Metern Höhe in den Jetstream hineinspringen und eine Horizontalgeschwindigkeit relativ zum Boden von bis zu 400km/h erreichen. Formex Swiss Watches unterstützt das waghalsige Projekt, und CEO Raphael Granito hat sich beim letzten Testsprung mit Marc gleich selbst in die Tiefe gestürzt. Der Artikel in der NZZ beschreibt, worum es beim geplanten Sprung wirklich geht.

Höllenritt im Jetstream

von Alois Feusi, 21.12.2017, 05:30 Uhr. Erschienen in der NZZ unter diesem Link

Der Berner Abenteurer Marc Hauser plant einen Sprung von einem Heissluftballon aus in einen Jetstream in 10 000 Metern Höhe. Sein Ziel ist weniger ein Rekord als vielmehr die Demonstration des Energiepotenzials dieser Starkwindbänder in grosser Höhe.

Es ist kalt an diesem grauen Dezembervormittag in Bern. Marc Hausers Augen tränen im eisigen Wind. Dies sei eine körperliche Schwachstelle, mit der er bei seinem Projekt klarkommen müsse, erklärt der Zwei-Meter-Hüne auf dem Weg durch die Altstadt zu einem Restaurant, wo man sich in Ruhe unterhalten kann. Irgendwann im Laufe der beiden nächsten Monate will der Berner Skydiver, Vortragsredner und Unternehmer nämlich als erster Mensch von einem Heissluftballon in rund 10 000 Metern Höhe in den Jetstream – oder Strahlstrom – hineinspringen und mithilfe des extrem starken Winds eine Horizontalgeschwindigkeit relativ zum Boden von mehreren hundert Kilometern pro Stunde erreichen.

Reportage für BBC

Dabei wird Hauser mit Temperaturen von rund minus 50 Grad konfrontiert. Um sich auf die extremen Bedingungen in der oberen Troposphäre vorzubereiten und den Umgang mit der Sauerstoffflasche zu üben, führte er vor einigen Tagen in einer Kältekammer in Biel Tests bei minus 60 Grad durch. Danach ging es nach Spanien zu einer letzten Reihe von Testsprüngen in voller Montur. Jetzt steht bloss noch die Optimierung des Sauerstoffsystems an. Danach sind der 46-jährige Abenteurer und sein achtköpfiges Team bereit für den grossen Sprung. Wie viel das Projekt am Ende kosten wird, ist noch offen; Hauser rechnet aber mit einem sechsstelligen Betrag. Der Bieler Uhrenhersteller Formex ist bereits als Sponsor an Bord, und der Dokumentarfilmer Claudio von Planta übernimmt die Produktion einer dreiviertelstündigen Reportage für BBC World News. Der Sender wird dabei sein, wenn der wagemutige Berner demnächst irgendwo in der Schweiz mit einem Heissluftballon des vierfachen Europa- und sechsfachen Schweizer Meisters Stefan Zeberli zu seinem Rekordsprung auf 10 000 Metern Höhe in den Kern eines Jetstreams aufsteigen wird.

Die in der oberen Troposphäre mäandernden Starkwindbänder werden seit rund hundert Jahren erforscht. Die Wissenschaft befasst sich unter anderem mit der Frage, ob der Energiegehalt der jeweils im Winterhalbjahr besonders kräftigen Winde in irgendeiner Form genutzt werden könnte. Hauser zitiert die amerikanischen Atmosphärenforscher Ken Caldeira und Cristina Archer, die postulieren, dass ein Prozent der in den Jetstreams wirkenden Kräfte ausreichen würde, um den Energiebedarf der Menschheit zu decken.

Ohne aerodynamische Hilfen

Von 2010 an hatte sich Marc Hauser mit dem Gedanken getragen, einmal einen Sprung im Jetstream mit Windgeschwindigkeiten zwischen 160 und 240 Kilometern pro Stunde zu versuchen. Er springt ohne Wingsuit oder andere aerodynamische Hilfen und nennt seinen Sport Speed-Tracking. 2012 realisierte er bei einem Sprung aus 4200 Metern Höhe über Spanien den noch immer geltenden Weltrekord mit einer Vorwärtsgeschwindigkeit von 304 Kilometern pro Stunde relativ zum Boden. Damals hatte er fast keinen Rückenwind. Beim Sprung in den Polarfront-Jetstream sollte ihn dieser vor sich herschieben.

Wie schnell er diesmal unterwegs sein wird, lässt sich allerdings nicht genau abschätzen. «Es könnte eine eindrückliche Geschwindigkeit werden», mutmasst Hauser. «Doch vielleicht ist die Luft dort oben so dünn, dass der Schiebeeffekt des Windes nur gering ist.» Das Tempo sei ohnehin Nebensache, ergänzt er, und es werde auch keinen Eintrag im «Guinness-Buch der Rekorde» geben. Es gehe ihm vielmehr darum, Menschen mit Pioniergeist zu inspirieren und das Energiepotenzial des Jetstreams aufzuzeigen. Dieses könnte dereinst vielleicht mit Flugkraftwerken über unbesiedelten Gebieten erschlossen werden.

Ein Sprung aus 10 Kilometern Höhe ist ein kühnes Projekt für einen Mann, der sich bei jedem «Tauchgang» als Skydiver noch immer überwinden muss, aus dem Flugzeug auszusteigen. Zum Fallschirmspringen sei er übers Segelfliegen gekommen, erklärt der Vater von zwei Töchtern im Alter von 17 und 20 Jahren. Dort sei man stets mit einem Notfallschirm unterwegs, um sich im Falle einer Kollision retten zu können. «Ich bin kein geborener Held, sondern ein grosser Angsthase und wäre nach einem Crash bestimmt in der Kabine sitzen geblieben», sagt er. «Deshalb beschloss ich, einen Sprungkurs zu machen.»

Angst verleiht Flügel

Die Angst konnte er nicht besiegen. «Aber ich realisierte, dass ich sie integrieren und mit ihr arbeiten kann, wenn ich sie akzeptiere.» Deshalb kam er schliesslich auf das Speed-Tracking, wie er seine rasante Flugart nennt. Sie liefert dem Unternehmer, der eine Namensagentur führt, zusätzlichen Stoff für seine Motivationsreden, die er an internationalen Veranstaltungen von Firmen hält. Er ist zuversichtlich, dass er auf diese Weise auch das investierte Geld amortisieren kann.

Jetzt warten Hauser und sein Team auf das passende Wetter. Noch ist der Polarfront-Jetstream etwas zu hoch, aber von Januar bis Februar sollte er mit etwas Glück heruntersinken. Wenn die Strömungsrichtung und die allgemeine Wetterlage passen, werden der Ballonfahrer Zeberli und der Strahlstromschwimmer Hauser das Abenteuer wagen.

Nach dem Absprung wird Stefan Zeberli mit dem Heissluftballon die Alpen überqueren und dann im Tessin oder in Norditalien landen. Hauser hofft, dass ihn sein Zweiminutenflug in eine Region mit guten Landemöglichkeiten führen wird. Für den Fall der Fälle trägt er an seinem Anzug neben GPS-basierten Geschwindigkeitsmessern und wissenschaftlichen Temperatursensoren auch einen Notsender. «Vielleicht lande ich ja irgendwo in unzugänglichem Gebiet in den Bergen und verletze mich dabei sogar. So könnte mich das Begleitteam möglichst schnell finden.»

Autor: Alois Feusi

Erschienen in der NZZ am 21.12.2017, 05.30 Uhr. Link zum Artikel auf NNZ